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Die US-Rocker gastieren mit "Lost Highway" Ende Mai in Stuttgart
Köln - "Keine privaten Fragen!" mahnt der
PR-Agent kurz bevor John Francis Bongiovi zum Interview erscheint. Mit
dem Diktat bricht sein Chef zur Begrüßung prompt höchstpersönlich. Er
will wissen, wie es geht, wo und wie man lebt. Der Einwand, dass das
sehr private Fragen seien, hat ein Perlweiß-Lachen, das Ablegen der
notorischen Sonnenbrille und die Feststellung: "Okay, Mist! So schnell
holen einen die Dogmen ein, die man anderen auferlegt" zur Folge.
Er habe nach 25 Jahren mit seiner Band Bon Jovi keine Lust mehr darauf,
Fragen nach dem mitunter turbulenten Privatleben seines Gitarristen
Richie Sambora zu beantworten, der erst kürzlich wieder mit erhöhtem
Alkoholpegel am Steuer für Schlagzeilen gesorgt hat. Es gäbe
interessantere Themen. Stimmt. Das nicht minder turbulente Chefsein
einer Band beispielsweise, deren Konfiguration Mitte der 80er Jahre
ungefähr so aussah: 40 Prozent Womanizer, 10 Prozent konstantes
Toupieren der Haartracht, 20 Prozent Megastar-Gehabe und 30 Prozent
musikalische Substanz.
Veränderungen in einem Vierteljahrhundert BandgeschichteDer 1,70 Meter große Mann mit der großen Bühnenpräsenz lässt diese
Einschätzung mit Hinblick auf seine Musik zähneknirschend durchgehen,
konstatiert aber, dass ihn die Suche nach Ruhm nach zweieinhalb Dekaden
Dauerbrennerei in den weltweiten Charts nicht mehr sonderlich tangiert.
"Dieses Rockstar-Ding brauchst du zweifellos, wenn du jung bist und dem
hormonellen Diktat folgst. Es wäre aber geradezu lächerlich, wenn sich
die eigenen Ziele und das Aussehen innerhalb von 25 Jahren nicht
verändert hätten."
Folglich sitzt Mr. Bongiovi einem anno 2008,
mit 45 Jahren, in Maßsakko und dezent schwarzem Hemd gegenüber, statt
den ewig ledernen Rocker zu geben. Am Anfang, mit 21 Jahren, wollte er
lediglich Musik machen und davon leben können, erzählt der Sohn eines
italienischen Einwanderers. Dann kam der Wunsch nach einem goldenen
Album, dem das Platin-Ziel, die Headliner-Konzerte und schließlich die
Stadion-Shows folgten.
"Wenn man das alles erreicht hat, kommt
schließlich die Phase, in der du wegen deines massiven Erfolges einen
Therapeuten aufsuchen musst", gesteht Jon Bon Jovi. Die erlebte er
bereits 1989, nachdem sich das "New Jersey"-Album seiner Band mehr als
zehn Millionen Mal alleine in Amerika verkauft hatte. Trotzdem sind er
und seine drei Bandkollegen immer noch präsent. Und das nicht nur zu
Zwecken der Kontinuität, wie der Bandboss unterstreicht, "sondern weil
wir Lust auf die gemeinsame Musik haben".
Die orientiert sich heute vor allem Live mit einer Geigerin als Gastmusikerin am
Country-Rock, ist weniger plakativ geworden, ohne dass sie ihren
Hymnen-Charakter verloren hat. "Lost Highway", das aktuelle Album,
wurde in der Country-Hochburg Nashville eingespielt und passt auf den
ersten Blick ganz hervorragend zum Bild des All-American-Boy, das sein
Hauptverfasser oberflächlich betrachtet projiziert.
Aber der "vergessene Highway" ist für den vierfachen Familienvater auch "ein
Stück weit Sinnbild für die falsche Fährte, auf der sich das politische
Amerika seit dem Ende der Clinton-Ära befindet". Als erklärter Gegner
von Präsident George W. Bush unterstützt Jon Bon Jovi seit geraumer
Zeit die demokratische Partei.
Ein politisches Amt strebe er
nicht an. "Aber wenn es im Senat jemals erlaubt sein würde, sich auch
musikalisch zu artikulieren, würde ich kandidieren", lacht er. "Spaß
beiseite: mit Musik kann ich mehr bewegen als durch Politik. Und mein
Ego ist nach 25 Jahren Frontmannsein gesättigt. Warum sollte ich also
Präsident werden wollen?"
Tour-Termin: 29.05. Stuttgart (Gottlieb-Daimler-Stadion)